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384 Seiten, Gebunden,
mit Schutzumschlag
EUR 3,00
ISBN 3-88520-595-5
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Aras Ören
Unerwarteter Besuch
Der Moment ihrer ersten Begegnung:
Vielleicht war es den ganzen Tag bewölkt gewesen und hatte leicht geregnet,
vielleicht hatte es wie aus Kübeln gegossen, vielleicht war es auch ein wolkenloser
sonniger Tag gewesen, er hatte Bier in einer Kneipe getrunken oder in einem
Straßencafé gesessen und die Passanten beobachtet, möglicherweise hatte er sich
beim Friseur rasieren lassen, lag auf der Straße herum, pißte gegen eine Wand,
langweilte sich, ging durch den Park, suchte jemanden zum Reden, wartete an der
Haltestelle auf einen Bus, wechselte die Straßenseite, um jemandem aus dem Weg
zu gehen, dem er nicht begegnen wollte, spielte Karten auf einer Geburtstagsfeier,
pfiff vor Vergnügen, suchte eine Wohnung, ging zur Arbeit, fragte nach einer
Adresse, rief auf einer Demonstration: "Hoch die internationale Solidarität!",
verging vor Gram über Vietnam, ärgerte sich über den Militärputsch in der
Türkei, faselte von der Herrschaft des Proletariats, kränkte sich über die
Taktlosigkeit eines Bekannten, wollte verreisen, sah einem Mädchen ins Gesicht
und war erregt, versuchte Gedichte zu schreiben, sagte "Revolution",
führte Strategiegespräche, notierte etwas in ein Heft, haßte die Konservativen,
jammerte ständig über Geldmangel, träumte, lief in einem Rollkragenpullover und
in einer breitgerippten Kordhose herum ... So viele Jahre waren vergangen, so
viel hatte sich ereignet, der Dichter konnte sich unmöglich daran erinnern.
Er erinnert sich nur daran: Auf einmal war überall und immerzu dieser Ali Bayrak
an seiner Seite. (Wir nennen ihn heute "Ali Bayrak", und das ist auch
richtig, aber ...) Der Dichter lernte ihn aber erstmals als "Bayrak Ali"
kennen, zu deutsch "Fahnen Ali", sein richtiger Name war "Ali",
und "Bayrak" war eine Art Beiname (wahrscheinlich, weil er auf jeder
Demonstration eine rote Fahne in den Händen trug). Alle seine Bekannten kannten
ihn als "Bayrak Ali", riefen ihn so und stellten ihn anderen unter
diesem Namen vor. Wenn er sich selbst vorstellte, sagte er zuerst "Ali"
und fügte dann noch hinzu: "Bayrak Ali". Es gefiel ihm wohl, so genannt
zu werden. Er war verschwiegen; keiner wußte so recht, was er arbeitete und wovon
er lebte; man weiß nicht, warum, aber keiner fragte danach. Es schien keinen zu
befremden.
Der Dichter hielt ihn lange Zeit für ein Mitglied einer geheimen Vereinigung und
verkniff sich aus Scheu vor Geheimnissen entsprechende Fragen. Der Beiname
"Bayrak" war sicher ein Codename, dachte er. Ja, so war Bayrak Ali
plötzlich an der Seite des Dichters aufgetaucht, ohne daß man genau wußte, wo
und wann, sie waren ständig zusammen, egal wo sie hingingen: in der Kneipe, im
Café, auf Demonstrationen waren sie unzertrennlich; wer die beiden kannte und
einen von ihnen alleine traf, fragte stets sofort nach dem anderen. Manchmal,
wenn Bayrak Ali allein unterwegs war, wurde er auch informiert, daß der Dichter
kurz zuvor an diesem oder jenem Ort gesehen worden sei; wurde der Dichter allein
angetroffen, dann sagte man ihm sofort Bescheid, in welchem Café sich Bayrak Ali
gerade aufhielt.
So wußten der Dichter und Bayrak Ali immer voneinander, was der andere gerade tat,
wo er war, mit wem er sich traf und worüber er redete. Da sie ständig
zusammensteckten, hatten sie keine Geheimnisse voreinander. (Unter uns sind noch
Zeugen aus jenen Tagen, die das bestätigen können.) Bayrak Ali hatte Interesse
an Literatur und Kunst, und manchmal setzte er daher Gerüchte in Umlauf, daß die
Texte des Dichters eigentlich von ihm verfaßt seien (es wußte ja niemand so recht,
was für einer Arbeit er nachging). Aber trotzdem war der Dichter als Dichter bekannt.
Tatsache ist, wenn die beiden zusammen waren, dann erzählte der Dichter Bayrak
Ali von seinen Träumen und dieser dem Dichter von seinem Leben.
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